Wind und Wetter – Teil 1

2014-05-17 153355

In den letzten Tagen habe ich mehrfach meine Ausrüstung testweise gepackt, einzelne Teile aussortiert oder getauscht und alles wieder ausgepackt. Es ist gar nicht so einfach, für 10 Tage eine Entscheidung für das notwendige „Minimum an Kleidung/Ausrüstung“ zu fällen. Was wird wirklich gebraucht? Was ist lediglich „nice to have“ oder gar Luxus?

Immer wieder nehme ich das Handy und kontrollierte den Wetterbericht. Der klingt gar nicht so schlecht, zwar kein Sommerwetter aber halbwegs trocken und deutlich zweistellige Temperaturen. Also alles im Lot für die Streety on Tour.

Tag 1

Endlich Freitag, der Tag der Abfahrt. Nein, das klingt negativ, als würde etwas beendet, dabei beginnt doch gerade meine große Reise. Also nenne ich es den Tag des Aufbruchs. Aufstehen – Wettercheck (rein analog, ohne Handy! einfach aus dem Fenster schauen) alles bestens, zwar bewölkt, eher grau, aber trocken. Nochmal durch die Wohnung laufen, Packliste checken. Alles dabei. Tourverpflegung richten, eine Flasche Wasser und ein paar Müsliriegel, das muss reichen. Schließlich mache ich eine Deutschlandtour und bin nicht in einer Wüste irgendwo in Südamerika unterwegs.

Bevor ich starte, begleite ich Sohnemann noch zum Bus. Ich glaube, mir fällt die bevorstehende Trennung schwerer als ihm…Pünktlich mit den ersten Kurbelwellenumdrehungen fallen die ersten Tropfen. Das gibt’s doch nicht, was ist aus den Vorhersagen der Wetterfrösche geworden?! Okay, ruhig bleiben. Nun ist es sowieso zu spät für einen Rückzieher, ich bin unterwegs. Und Regen war auf einer geplanten Tourlänge von gut 2.000km und 10 Tagen zu erwarten. Dann kommt der halt schon zu Beginn. Frau ist ja nicht aus Zucker und ich nehme das einfach als gutes Zeichen. Quasi als Taufe der Tour.

Ich habe die Tour detailliert vorgeplant. Zuerst mit Karten (ja, die Dinger aus Papier!), dann am Computer die ausgearbeitete Route auf mein TomTom übertragen. So folge ich den ersten Punkten meiner Route, vermeide Autobahnen und große Städte. Bereits in Aichstetten hat der Wettergott ein Einsehen mit mir und läßt den Regen versiegen. Zwar erst 60 Tourkilometer auf der Uhr, aber es ist fast 10 und ich gut eine Stunde unterwegs. Da nutze ich die Gelegenheit für einen Tankstop und die erste kleine Pause. Das Tagesziel liegt nördlich von Forchheim, gut 350 Km vom Bodensee entfernt.

Weiter geht es Richtung Nord-Ost. Die Straßen sind klein, es gibt kaum Verkehr. Immer wieder mache ich Fotostops. Schon bei der Planung war ich bewußt großzügig mit meiner Zeiteinteilung. Ich habe Urlaub, ich will genießen, etwas erleben.

Gegen Mittag fotografiere ich dann wieder das Wetter – eine klassische Gewitterwolke macht sich am Horizont breit und wartet auf mein Eintreffen. Ich stehe im Nirgendwo, weit und breit bietet sich kein Unterschlupf. Also nehme ich Anlauf und es geht mit Schwung durch den kurzen, aber heftigen Schauer. Für einige Kilometer steht das Wasser auf den Straßen und ich denke darüber nach, ob die Innentaschen für meine Touratech „Travel Bag“ möglicherweise doch eine sinnvolle Investition gewesen wären. Ich habe zwar alles in Gefrierbeuteln mit Zip-Verschluß verpackt, aber die Wassermengen lassen mich zweifeln. Die Imprägnierung ist halt nicht für Tauchgänge gemacht…

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Der Himmel klart bereits wieder auf, in Gedanken bin ich schon bei Tom und einer heißen Dusche. Derartige Regenmengen sind ja nicht gerade das, was man sich unter entspanntem touren vorstellt und meine 7.500 km Motorraderfahrung haben solche Verhältnisse bisher nicht bereit gehalten. Derweil schickt mich mein Navi mal links, mal rechts und durch den nächstbesten Wald.

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Ich folge brav den Kommandos in meinem Helm und lande im Bibertal. Was gibt es erwähnenswertes im Bibertal?  Das kann ich nicht sagen, ich weiß aber inzwischen, was es nicht gibt: Asphalt. Unvermittelt finde ich mich allein auf weiter Flur auf einer „Naturstraße“ wieder. Mein TomTom gibt sich unschuldig und behandelt die Straße wie jede andere auch, hinter mir wartet die Gewitterwolke auf meine Rückkehr und ich frage mich, wann ich gefunden werden würde, wenn ich nach einem unglücklichen Sturz unter meiner Streety eingeklemmt auf fremde Hilfe warten müßte. Ich würde das zwar nie zugeben, aber die Passage macht mir Spaß. Allerdings erst hinterher, als ich es geschafft habe. Die Streety geht auch für leichtes Gelände! ;)

Für heute bleibe ich von weiterem Regen verschont, dafür nimmt der Wind zu, je näher ich Nürnberg und Forchheim komme. Meine Wetter-warn-App sagt mir: „lokal besteht die Gefahr von schwachen Tornados“. Vielen Dank auch.
Tom hat seine Garage schon für mich geöffnet und ich muß nur noch hineinrollen. Endlich bekomme ich meine wohlverdiente Dusche, wir lassen den Abend gemütlich am Grill mit Lamm und einem Bier ausklingen.

Tag 2

Der Tag beginnt mir Sonnenschein. Ich habe ausgeschlafen – es ist ja fast 8 Uhr. Einige Wolken sind zu sehen, der Tag wirkt vielversprechend. Tom organisiert ein Frühstück beim örtlichen Bäcker, ich packe meine Siebensachen zusammen und decke den Tisch.

Der sintflutartige Regen des Vortages hat das gesamte Fett von meiner Kette gespült, Tom hilft mir beim einfetten. Hier rächt sich der fehlende Hauptständer an meiner Streety. Warum kommen mir plötzlich die Textzeilen der „Golden Eckats“ in den Sinn: „…wir duften nicht nach Eau de Toilette, bei uns riecht man nur gutes Kettenfett…“ ?? :)

Tom hat eine schöne Tour vorbereitet. Kleinste Bergsträßchen, Kurve an Kurve, Dörfer wie aus dem Tourismusprospekt (ich liebe Fachwerkhäuser!) – einfach toll. Am Hohenwarte-Stausee gibt es die erste echte Thüringer Rostbratwurst seit vielen Jahren. Tom begleitet mich noch bis Kahla, gemeinsam erfreuen wir uns am wunderschönen Thüringen und den kleinen Straßen. Das Wetter hält bisher, auch wenn der Himmel grau ist. Ich hoffe heimlich, dass Tom seine private Regenwolke mit zurück nach Forchheim nimmt. In Kahla mache ich zunächst noch einen Tankstop. Die freundliche Bedienung an der Tankstelle fragt mich, ob ich Hunger hätte. Die Rostbratwurst ist zwar erst eine Stunde her, aber ich kann nicht Nein sagen. Ich bekomme eine Semmel mit Mohn und Sonnenblumenkernen, dick belegt mit Schinken, Tomaten, Käse und reichlich Remoulade. Obwohl ich eigentlich satt war, fahre ich erst weiter, nachdem die Semmel komplett in meinem Bauch verschwunden ist.

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Mein Weg führt mich weiter Richtung Jena, heute soll es noch bis Luckenwalde bei Berlin gehen. Da ist ein Besuch bei Verwandten geplant, die ich seit einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen habe. Mein Gott, bin ich alt!
Richtung Leipzig lässt Petrus wieder seine Muskeln spielen. Tom hat mir seine persönliche Regenwolke wohl als Begleitung mitgegeben und ich entscheide mich schweren Herzens für die Autobahnvariante um Leipzig zu umfahren. Hinter Leipzig verlasse ich die Autobahn erst wieder, als es trocken wird. Über Treuenbrietzen strebe ich Luckenwalde entgegen und werde von einer Baustelle aufgehalten. Die Haupteinfallstraße Richtung Luckenwalde war gesperrt und ich mußte zurück und einen neuen Weg „über die Dörfer“ suchen. Die letzten Meter fahre ich stehend. Große Teile der ehemaligen DDR sind bereits in den Genuß der Sanierung gekommen (Soli sei Dank), hier aber ist noch nichts angekommen. Kopfsteinpflaster Marke Schlagloch – wer es nicht selbst erlebt hat, glaubt es nicht.

Es ist bereits halb 6 und ich werde von meiner halben Verwandtschaft am Tor erwartet. Bei Kartoffelsalat, Bockwurst und Bier haben wir uns viel zu erzählen. Conchita Wurst gewinnt den Songcontest und der Abend wird recht lang.

Tag 3

Ich wache recht früh auf. Es ist erst 7 Uhr, im Haus schläft noch alles und ich tausche mit Sohnemann einige Nachrichten per Threema aus. Die Sonne scheint bereits durchs Fenster, die eilig dahinziehenden Wolken verheißen jedoch wenig gutes. Ich nutze die Zeit und studiere die Landkarten für die kommende Etappe nach Hagenow. Heute ist Muttertag und meine Eltern sind noch völlig ahnungslos. Ich muß an mein Kind denken, weiß ihn aber in Papas Händen gut aufgehoben. Nach dem Frühstück packe ich – inzwischen schon routiniert – meine Taschen und will den morgendlichen Kettenservice beginnen. Ich kann das Spray jedoch gleich wieder verstauen. Da ich hier unter Motorradfahrern weile, hat man bereits alles erledigt – danke an Joachim und Dirk, das war ein toller Service!

Die eigentliche Fahrt führt mich über die unendlich langweilige B5. Es geht geradeaus, die einzige Abwechslung bilden die regelmäßig auftauchenden Blitzer. Ich bin dank meiner Karten vorgewarnt und entschließe mich, die Strecke zu Beginn durch die „Spargelstadt Beelitz“ und durch die Fichtenwälder zu führen. Bereits nach einer halben Stunde hat mich DAS Wetter wieder. Es regnet, dazu kommt ein zünftiger Sturm und in Sandau an der Elbe stoppe ich für einen Tee an der örtlichen Tankstelle. Der Wind nervt mich gewaltig und ich mache gleich nach dem Absteigen meinem Ärger im privaten snapnride-Chat Luft. Ich schimpfe über den allgegenwärtigen Sturm und hoffe auf etwas Verständnis vom Rest der Bande. Die sind eher amüsiert und beschließen, mir feierlich den Beinahmen „Göttin der Stürme“ zu verleihen. Danke. Das habe ich jetzt gebraucht.

Ich muss eine Attraktion darstellen, denn die Kassiererin will mich erst gehen lassen, nachdem sie mir den Großteil ihrer Lebensgeschichte erzählt hat. Es zieht mich ohnehin nicht sonderlich zurück in den Regen und so höre ich bereitwillig zu und freue mich über diese weitere bemerkenswerte Begegnung. Viel habe ich vor der Tour nachgedacht, versucht mir vorzustellen, was auf mich zukommen würde und welche Erlebnisse auf mich warten könnten. Nicht erwartet habe ich diese spontanen Begegnungen, die bereits jetzt das Salz in meiner Reisesuppe bilden.

Irgendwann muß ich weiter, der Regen stört mich inzwischen nicht mehr. Meine Kleidung (Jacke und Hose von Rukka) halten die Nässe zuverlässig ab. Der Fahrtwind lässt allerdings die gefühlte Temperatur deutlich in den Keller sinken. Es geht weiter geradeaus, ich statte Ludwigslust einen Besuch ab. Hier habe ich während meiner Ausbildung 3 Jahre verbracht und ich genieße es, die Stadt wiederzusehen. Kurz zuvor hat zwar der Regen nachgelassen, doch hält mich der Sturm fest in seinem Griff. So hat eine Stadtbesichtigung keinen Sinn, stattdessen ändere ich meine Route und fahre durch Dörfer, welche ich aus meiner Kindheit noch kenne.

Kurz vor Hagenow halte ich an und wähle die Telefonnummer meiner Eltern. Mein Vater nimmt ab und ich frage, ob ich einen Kaffee bei ihm bekommen könnte :) Ich glaube, er hat mich nicht ernst genommen, das Spiel aber zumindest soweit mitgespielt, dass er meiner Mutter nichts verraten hat.

5 Minuten später stehe ich auf dem Hof meiner Eltern und werde mit großem Hallo begrüßt. Nach 3 Tagen Regen hat sich die Feuchtigkeit inzwischen doch ihren Weg gesucht – an Handschuhen und den Ärmelbündchen ist es nun fühlbar nass. Auch im Schritt der Hose steht nach ein paar Stunden unvermeidbar Wasser – da wird es dann ganz kalt…

Weiter geht es in Teil 2 – mehr Fotos gibt es hier

Kommentare

  1. Toller und spannender Beitrag

  2. Antje meint

    Danke Steffi. Hoffe, das Teil 2 und 3 auch so gut ankommen

  3. Hallo Antje,

    wenn ich stundenlang im Regen rumfahren muss, ziehe ich die Regenkombi drüber, auch wenn die Sachen eigentlich wasserdicht sind. Das Material saugt sich voll, wird schwer und es wird vor allem richtig kalt. Drück Dir die Daumen für besseres Wetter und freu mich auf die nächsten Berichte.

    Gruß Frauke

  4. Antje meint

    Guten Morgen Frauke,
    ja, über eine Regenkombi hatte ich auch schon nachgedacht, aber da ich bisher noch nie so viel im Regen gefahren bin und mir somit die Erfahrung fehlte,… nun weiß ich es und werde mir sicher bald eine gescheite zulegen.
    LG ANTJE

  5. Sandra meint

    Hey Antje,
    toller 1.Teil ,klingt aufregend und interessant.
    Freue mich schon auf die Fortsetzung!

    LG Sandra

  6. Marion Pötter meint

    Hallo,
    toller Reisebericht und Fotos, den ich begeistert gelesen habe.
    Da fühle ich mich absolut verbunden, da ich vor 2 Jahren mit 57 meinen Schein gemacht hatte und dann 2 Wochen später auch auf Deutschland-Tournee mit meiner Shadow VT 600 gegangen bin. Ganz alleine. Von Ulm über das Altmühltal, Magdeburg, Neustrelitz, Usedom, Wismar, den Darss, Ludwigslust, Magdeburg, über den Harz und Kassel wieder nach Hause. In 12 Tagen über 3000 km – und das als Anfänger.
    Ich kann die Eindrücke und Erlebnisse nur bestätigen, hatte aber bis auf einen Tag super Wetter. Es bleibt einunvergessliches Erlebnis und ich kann nur Jede ermuntern, es zu wagen, die diesen Wunsch verspürt.
    Bugsy

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